LEine alltagstypische Leiche

SYNOPSIS

zu

„Eine alltagstypische Leiche“


Wiewohl Harry K. sich nicht richtig im Klaren darüber befindet, was ein Durchschnittsmensch ist, hat er trotzdem die deutliche Empfindung, selbst keiner zu sein. Keineswegs grundlos, denn tatsächlich ist er kein bisschen in die Gesellschaft, in der er lebt, integriert.
 Vielmehr führt er ein Leben in krassester sozialer Abgeschiedenheit. Er leidet jedoch absolut nicht unter dieser Abgeschiedenheit: Er ist nicht etwa ein unglücklicher Aussenseiter, sondern ein äusserst fanatischer Einzelgänger.
 Falls überhaupt eine andere Person existiert, der er nicht völlig gleichgültig gegenübersteht, dann ist es die verbissene Karrierefrau und übereifrige Joggerin Viola T.: die indes eine recht unfreundliche Gesinnung gegen ihn hegt und mit der er nie spricht... Ohnehin scheint K. niemals mit jemandem auch bloss ein Wort zu wechseln: oder sonstwie bewusst zu kommunizieren. Wahrscheinlich weiss kaum jemand, ob er eigentlich fähig ist zu sprechen. Worte scheint er ausschliesslich in der bizarren Welt seines Geistes zu benutzen. Und diese Innenwelt strotzt nur so vor schwarzromantischer Poesie und abgründiger Philosophie; K.s Selbstbild ist durchaus philosophisch übersteigert...
 K. ist auch ganz ohne Zweifel mit den Werken grosser Philosophen gut vertraut. Dennoch ist sein Lieblingsbuch kein philosophisches Werk, sondern ein erstmals 1486 gedrucktes, ebenso unweises wie berüchtigtes Traktat, das „Der Hexenhammer“ heisst. – Berüchtigt ist es, weil es einst zur Legitimation des Folterns und Tötens von angeblichen Hexen und Hexern diente. Der Umstand, dass K. ausgerechnet dieses Buch zu seiner Lieblingslektüre erkoren hat, zeigt also überdeutlich, dass er eine starke Neigung zum Makaberen besitzt.
 Von dementsprechend schauerlicher Prägung sind die allermeisten Erzeugnisse seiner grossen Passion, der Fotografie; er hat einen Bildband mit dem programmatischen Titel „Eine alltagstypische Leiche“ in Arbeit. Die Fotos, die er dafür schiesst, scheinen allesamt blutbeschmierte Tote zu zeigen; man könnte sie glatt für Aufnahmen von Opfern tödlicher Gewaltverbrechen halten. Allerdings wäre es falsch zu glauben, dass er eine Art Snufffotograf sei. Wo doch über die namenlosen Stadt, in der er wohnt, gesagt wird, es gebe in ihr gar keine richtigen Verbrecher.
 Zwar handelt es sich bei K., der nicht wesentlich weniger nachtverliebt und tageslichtscheu ist als ein Vampir, fraglos um ein Ungeheuer – aber, mit dem Dichter Charles Baudelaire gesprochen, um ein unschuldiges... Daher lichtet er niemals Opfer von Tötungsdelikten ab, und übrigens ebensowenig andere echte Leichname. Sehr wohl jedoch Leute, die wegen übermässigem Alkoholkonsum oder aus anderen Gründen bewusstlos in Strassen und Gassen sowie anderswo im Freien liegen...
 So sucht er im Altstadtlabyrinth seines Wohnortes Nacht für Nacht nach „alltagstypischen Leichen“. Und immer, wenn er geeignetes Menschenmaterial findet, besprenkelt er die betreffende bewusstlose Person mit Theaterblut, ehe er sie mit seinem alten Zenit-Fotoapparat fotografiert.
 Harry K.s suchende Nachtwanderungen haben eindeutig rituellen Charakter. – Er dürfte ziemlich viele solche Rundgänge problemlos und mehr oder minder erfolgreich hinter sich gebracht haben, als schliesslich einer einen ungewöhnlichen Verlauf nimmt. Sodann entdeckt K. einen echten Leichnam: und hält ihn für eine der üblichen besinnungslosen Schnapsleichen; jetzt gerät sein seltsames Leben total aus den Fugen. – „Eine alltagstypische Leiche“ ist eine kafkaeske Kriminalkomödie für Ästheten und solche, die gerne so tun, als wären sie es.