KKolumnen

Warnungen Gottes

„Die gewöhnlichste Lüge ist die, mit der man sich selbst belügt; das Belügen andrer ist relativ der Ausnahmefall.“
Friedrich Nietzsche

Wer heutzutage im Brustton der Überzeugung von Gott zu sprechen wagt, wird scheel angeschaut. Allerdings bin ich von der Existenz Gottes überzeugt... Aber wenn es Gott gibt, woher in dem Fall das Übel? Verstummt ist diese Frage spätestens seit Platon nicht mehr. Entsprechend wurde ich mal von jemandem ganz konkret gefragt, wie ich, wenn ich wahrlich von Gottes Existenz überzeugt sei, mir dann beispielsweise das Auftreten von Naturkatastrophen erkläre.
 Ich antwortete: „Der Allmächtige hat uns Menschen, denke ich, in die Welt gesetzt, um uns zu prüfen, und als Prüfungen in diesem Sinne sind wohl eben auch die Katastrophen anzusehen. Wobei ich es für möglich halte, dass durch katastrophale Unglücke gerade die Leute am stärksten von Gott geprüft werden, die das unerhörte sowie zumeist unverdiente Glück haben, nicht zu den jeweiligen Katastrophenopfern zu gehören.“ Nach einer kurzen Pause fügte ich nachdenklich hinzu: „Übrigens werden wir Menschen wohl häufig von dem Allmächtigen vor katastrophalen Unglücken gewarnt; Gottes Warnungen werden jedoch von allzu vielen von uns regelmässig ignoriert.“
 Mit diesem Satz überraschte ich mich selbst. Nach wie vor finde ich ihn seltsam... Es passiert immer mal wieder, dass er mein Denken beschäftigt, und wenn er dies macht, muss ich stets an eine parabelartige Geschichte denken, die ich einmal irgendwo aufgeschnappt habe:
 Es war einst ein schöner Nachmittag irgendwo in Indien. Ein sich fromm dünkender Europäer spazierte, zufrieden pfeifend, eine Strasse entlang. Ein bewusstes Ziel hatte er nicht... Als er plötzlich eine Menschenmenge erblickte, die offenkundig in Panik geraten war und sich ihm rennend von vorn näherte, hörte er mit dem Pfeifen auf. Irritiert blieb er stehen; er hatte festgestellt, dass unentwegt Stimmen aus der Menge heraus etwas schrien, aber er verstand zuerst nicht, was. Doch bald hatte sich die Menschenmasse ihm so weit genähert, dass er die Worte der Rufer verstehen konnte: und also erfuhr, was los war: Offenbar war ein Stück weiter vorne ein verrückt gewordener Elefant dabei, in rasendem Wüten jeden, der ihm in die Quere kam, niederzutrampeln.
 Ihn beunruhigte dieser Umstand nicht. Gelassen gab er den Weg frei und die hysterische Masse rannte an ihm vorbei. „O Herr, du beschützest mich; darum brauche ich mich nicht zu fürchten“, murmelte er. Ein extrem zufriedenes Lächeln überflog sein Gesicht. Anschliessend begann er erneut zu pfeifen und ging bedenkenlos wieder seines Weges weiter.
 Zwei weitere Pulke panischer Leute begegneten dem Europäer noch. Eindeutig waren all diese Leute ebenfalls auf der Flucht vor dem wahnsinnigen Tier. Auch bei diesen beiden Begegnungen vernahm er jeweils diverse Warnrufe vor dem Elefanten. Allein kein Warnruf hätte ihn aufzuhalten vermocht. Er war wirklich überzeugt, dass der Allmächtige ihn beschützen werde. Er ging weiter und weiter: um zuletzt die Strasse zu verlassen und auf einen Platz vor einer Kirche zu treten. – Sofort fiel sein Blick auf den Dickhäuter, der gerade mitten auf dem Platze einen Menschen zertrat. Kein Wunder, dass er so abrupt stehen blieb, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Sein Pfeifen verstummte.
 Mit Entsetzen registrierte er, wie sich das Rüsseltier jäh in seine Richtung wandte. Verständlich, dass er abhauen wollte! Aber das schien er unmöglich tun zu können, denn blanke Furcht lähmte ihn... „O Herr, du beschützest mich“, murmelte er erneut.
 Leider zeigte sich die erhoffte Wirkung nicht mehr, was daran lag, dass er den magischen Satz diesmal mit vor Verzweiflung zitternder Stimme gesagt hatte. Er schrie... Als der Elefant ihn angriff, blieb er bewegungsunfähig stehen. Er wurde niedergetrampelt, und als er schliesslich mit zertrümmertem Skelett am Sterben war, fragte er Gott voll Bitterkeit: „O Herr, wieso hast du mich nicht beschützt!?“ Gott antwortete: „Ich habe wahrlich genug Leute geschickt, um dich zu warnen, du Narr!“


Erschienen in: reformiert. Seeland West; Januar 2014